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Mir gefällt die ›Bindestrich-Identität‹

Robert Vitalyos
ASF-Freiwilliger in Jerusalem
Projekt: Kindergarten Gan HaSchikumi und offene Arbeit mit Holocaust-Ăśberlebenden

Freiwilligendienst in Israel (Friedensdienst)

Robert, du warst mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel und hast dort alte Menschen betreut, die unter dem Naziregime verfolgt wurden. Keine leichte Aufgabe für einen 22-Jährigen, oder?
Das habe ich auch gedacht und mich vor dem ersten Kontakt ein wenig gefĂĽrchtet. Ich war mir z.B. nicht sicher, welche Fragen ich stellen konnte, ohne allzu schmerzhafte Erinnerungen wach zu rufen.

Und?
Meine Arbeit hat mich eines Besseren belehrt. Die alten Menschen waren sehr froh, dass jemand zum Spazierengehen oder zum Essen vorbeischaute. Ihre Geschichten sickerten nach und nach durch, beim einen mehr, beim anderen weniger. Es war nicht schwer zu erkennen, was sie preisgeben wollten und was nicht.

Du wirst in einem Jahr etliche Geschichten gehört haben. Erzähle kurz eine.
Ich betreute unter anderem Herrn F., einen sehr offenen und freundlichen Menschen, der im Geiste trotz seiner knapp 100 Jahre sehr frisch geblieben ist. Er wurde in Breslau geboren. Nach der Reichsprogromnacht 1938 musste er seinen TextilgroĂźhandel fĂĽr einen Spottpreis verkaufen und schaffte es 1940 gerade noch, mit seiner Frau und seiner zweijährigen Tochter nach Palästina zu flĂĽchten. FĂĽr seine Schwester und Mutter aber erhielt er kein Ausreisevisum mehr. Beide kamen im Konzentrationslager um.

Was konntest du fĂĽr Herrn F. konkret tun?
Ich besuchte Herrn F. jeden Montag. Meine Aufgabe war die Erledigung seiner Korrespondenz. Bald war ich über seinen weit verzweigten Freundeskreis aufgeklärt und wusste von selbst, wem wir als nächstes einen Brief schreiben mussten. Beim Diktat hielt er oft inne, um mir Näheres über die Leute zu erzählen (»Nur, damit Sie es besser verstehen.«), und ich musst mir Mühe geben, in dem buddenbrookartigen Gewirr die Verwandtschaftsverhältnisse und die Chronologie beizubehalten.

Hat dich die Arbeit bedrĂĽckt?
Bei Herrn F. überwogen nicht seine schrecklichen Erlebnisse, sondern sein Humor und seine positive Lebenseinstellung. Er witzelte z.B. immer über sein hohes Alter, seine ›ersten 100 Jahre‹, als könne ihm die Zeit nichts anhaben. Ich bin sicher, dass bei seiner Lebenshaltung noch einige Freiwillige nach mir die Gelegenheit zu so einer wunderbaren Begegnung mit ihm haben werden.

Freiwilligendienst in Israel (Friedensdienst)

Die Arbeit mit alten Menschen war nur ein Teil deines Freiwilligendienstes. Was hast du sonst getan?
Die meiste Zeit habe ich im ›Gan HaSchikumi‹, einem therapeutischen Kindergarten, gearbeitet. Dorthin kommen Kinder zwischen drei und sechs Jahren, die unterschiedlichste Störungen des Hirn- und Nervensystems haben. Die Fähigkeiten der Kinder liegen sehr weit auseinander: Manche von ihnen sind nicht in der Lage, selbstständig zu stehen oder eine Gabel in der Hand zu halten. Andere sind körperlich überdurchschnittlich entwickelt und leiden an Hyperaktivität. Fast alle haben Artikulationsschwierigkeiten.

Wie sah ein typischer Tag im Kindergarten aus?
Um acht Uhr morgens begann meine Arbeit. Die Kinder konnten sich frei ein Spiel aussuchen und für eine halbe Stunde damit spielen. Ich sollte in dieser Zeit darauf achten, dass ein begonnenes Spiel zu Ende gespielt und dann auch wieder weggeräumt wurde. Ganz konkret musste ich also aufpassen, dass sich keiner ablenken ließ, was nicht selten groteske Züge annahm.

Schaute z.B. ein Junge aus dem Fenster, lenkte ich seinen Blick wieder auf das Spiel zurück. Aber sobald ich das geschafft hatte, schaute er erneut aus dem Fenster. Und schon war ein neues Spiel entstanden, an dem der Junge mehr Spaß hatte als an dem ursprünglich gewählten. Wenn ich seine Aufmerksamkeit endlich wieder eingefangen hatte, fand er meist den Faden nicht, und wir mussten von vorn anfangen.

Freiwilligendienst in Israel (Friedensdienst)

Auf den Fotos sieht man die Kinder eher in Aktion.
Klar. Nach dem Frühstück gingen wir meistens raus auf den Hof. Hier ließ ich mich jagen oder passte auf, dass die Kleinen sich nicht verletzten. Schon bald brachte es mich nicht mehr aus der Fassung, wenn ein Junge sich aus vollem Lauf auf die Nase legte. Das passierte jedem etwa vier mal am Tag, die Schürfwunden gehörten einfach dazu.

Und wann hattest du Feierabend?
Gegen zwei Uhr. Erst gab es noch Mittagessen, da waren die Kinder meistens recht müde und nicht mehr so laut wie am Morgen. Ich musste zwei der Kinder über eine Magensonde ernähren. Gegen eins, kurz nach dem Mittagessen, ging die israelische Erzieherin heim und ließ mir freie Hand bei der Programmgestaltung für die Kinder, die dann bis zwei Uhr dauerte. An einigen Nachmittagen machte ich nach dem Kindergarten noch meine Besuche bei alten Menschen. Manchmal erschien mir der fast 100-jährige Herr F. dann frischer als ich selbst…

Freiwilligendienst in Israel: Robert

Soviel zum Alltag. An welche außergewöhnlichen Ereignisse erinnerst du dich gerne?
Während meiner Zeit in Israel besuchte Johannes Rau, der damalige Bundespräsident, die ASF-Zentrale Beit Ben Yehuda in Jerusalem. Seit der Gründung von ASF war Johannes Rau ein enger Freund der Organisation. Er war sehr interessiert an den Berichten der Freiwilligen. Aus dem berühmten Mann, den man aus dem Fernsehen kennt, wurde schnell ein unkomplizierter Zuhörer. In seinen Augen leistet die Arbeit von ASF einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Deutschen und Israelis, sagte er uns. Das hat mir natürlich gut getan.

Auch deine Geschichte hat viel mit Interkulturalität zu tun...
Stimmt. Ich bin in Rumänien geboren und auf der Flucht vor dem Ceausescu-Regime mit meiner Familie nach Deutschland gekommen. Da ich damals noch ziemlich klein war, habe ich den Wechsel in eine neue Kultur nicht so sehr als ›Bruch‹ wahrgenommen wie z.B. meine Freunde, die nach der Wende nach Deutschland kamen. Erst während meiner Zeit in Israel habe ich öfter über unsere Flucht und unsere zwei Identitäten nachgedacht. Am besten gefällt mir in diesem Kontext der Begriff ›Bindestrich-Identität‹. Wenn ich sage, ich bin deutsch-rumänisch, dann betont der Bindestrich, dass beide Identitäten gleichwertig nebeneinander stehen. Dieser Perspektivwechsel hat eine ganze Menge Vorteile.